MKZWO Magazin

Mellow Mark

Die Revolution der Liebe

Finden Revolutionen in der Handybranche statt oder doch eher am 1. Mai? Die Revolution, man hört ständig von ihr und weiß oft doch nicht, was genau mit diesem Begriff gemeint ist. Ich habe mal in meinem „Duden Fremdwörterbuch“ nachgeschaut: „1. [gewaltsamer] Umsturz der bestehenden politischen und sozialen Ordnung. 2. Aufhebung, Umwälzung der bisher als gültig anerkannten Gesetze od. der bisher geübten Praxis durch neue Erkenntnisse u. Methoden (z.B. in der Wissenschaft). 3. (Geol.) Gebirgsbildung. 4. (Astron.) Umlauf eines Himmelskörpers um ein Hauptgestirn. 5. Solospiel im Skat“ – was genau Mellow Mark mit „Revolution“, der ersten Singleauskopplung seines Debüt-Albums „Sturm“ meinte, fragten sich vor zwei Jahren viele.

Doch trotz mancher Anfeindungen und Provokationen schaffte es der inzwischen 29jährige Songwriter Mark Schlumberger, unzählige Shows zu rocken und einen „Echo“ abzusahnen. Nun, ohne erneute Unterstützung von Wea Records, hat der scheinbar ewig Reisende eine Platte namens „Das 5te Element“ im Gepäck und demnach viel Liebe im Herzen. Ich traf ihn nachts im Görlitzer Park, um unter strikter Geheimhaltung ein Interview für MKZWO zu führen.

MKZWO: Auf deinem neuen Album beschreibst du in einem Song deine Berliner Wohngegend rund ums Schlesische Tor, eine Zeile lautet: „Royal Bunker, Falckensteiner, rein zu Staiger, hol mir die PZ / ey, Bush und Stein haben keine Ahnung, diese Jungs sind nett“. Das verwundert mich insofern, weil du beim Interview in ihrer Revolutionsausgabe nicht gerade gut weggekommen bist. Auch ich habe damals recht kritisch bezüglich der politischen Inhalte nachgefragt, was dich nicht davon abhielt, mir dieses Gespräch vorzuschlagen. Ist das die allgemeine Art, wie du mit Kritikern umgehst?

Mellow Mark: Mit Staiger und seinen Jungs unterhalte ich mich gerne. Ich kenne die alle aber nicht sehr gut und erkenne sie oft nicht. FuManschu läuft mir manchmal über den Weg, aber sonst? Die Jungs vom Royal Bunker sind halt einfach nett und haben mich letztendlich überhaupt nicht gedisst mit Formulierungen wie „herrlich unkonkret“. Sie haben schon das unterschrieben, was ich im Ansatz meine. Ich habe ihnen halt zu wenig blutige Fakten aus meinem Lebenslauf geliefert, um revolutionstauglich zu sein. Das sind sie selber auch nicht. Wenn sich die Zeiten ändern, könnte man immer noch drüber reden, wer unter welchen Umständen wie drauf ist. Solange aber die Zeiten so gut sind, dass man mit seiner Musik Geld machen kann, können wir gedanklich und mental solche Grundgedanken wie Revolution verbreiten. Das macht auch Sinn. Es muss einfach möglich sein, Dinge in Frage zu stellen, zu kritisieren und grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen vorzuschlagen. So ein Wort wie „Revolution“ versteht halt jeder, aber wenn man „grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft“ sagt und das vertont, hört kein Mensch hin.

MKZWO: Beim Song „Big Up“ fordern Jahcoustix, Johhny Strange und du nicht nur Toleranz gegenüber Dreadlocks-Trägern, ihr gebt auch ein „Big Up an jede Minderheit der Welt“. Schließt das beispielsweise Antisemiten und Sexisten mit ein?

Mellow Mark: Da müsstest du ganz konkret Johnny Strange von Culcha Cundela fragen, der diese Zeile in die Aufnahme geschmissen hat. Die Diskussion um unsere lieben Dancehall-Freunde von der Gun- oder Sextalkfraktion ist Gott sei Dank in letzter Zeit extrem nach oben gebracht worden. Ich finde es auch gut, dass schwulenfeindliche Texte hier thematisiert werden. Hoffentlich kann man dadurch einige Leute zum Nachdenken bringen, die auf so etwas krass abfeiern. Ich kann zu dieser Zeile auch nicht so viel sagen, es ist halt ein schöner Gedanke und wir denken da vor allem an diejenigen, die ungerechterweise unterdrückt werden. Natürlich haben wir auch in Deutschland Antisemiten, Rassisten und ähnliche Typen, aber oft wirken die eher so, als wenn sie nur provozieren möchten, ohne wirklich einen Plan zu haben. Wenn Johnny das singt, ist es noch mal etwas anderes, als wenn ich es als alter Politbarde singe. Wenn er es so fühlt, dann hört man und weiß man auch, welche Minderheiten er meint.

MKZWO: Im Vergleich zu deinem ersten Album ist der HipHop-Einfluss nochmals zurückgegangen. Wie ist es dazu gekommen?

Mellow Mark: Beim ersten Album hat Kraans De Lutin die Beats programmiert, beim zweiten hat sich meine Band mit eingeschaltet, die es beim ersten noch gar nicht gab. Das wirkt sich natürlich auf den Sound aus.

MKZWO: Du warst in den letzten Jahren an vielen verschiedenen Orten der Welt. Steigt da die Motivation, die Welt zu verändern oder stellt sich leichte Resignation ein, weil es überall den Bach runtergeht?

Mellow Mark: Hast du es nicht gesehen? Wir haben die Welt doch schon krass verbessert! (lacht) Neulich habe ich ein witziges Gentleman-Interview gelesen, in dem es auch darum ging, wie er diesen positiven Righteousness-Style bringen kann, während es gerade in Jamaika wieder heftig abgeht. Ich denke, je schlimmer es den Leuten geht, umso mehr steigt das Bedürfnis nach Musik, die Kraft gibt und glücklich macht. Bei der neuen Platte geht es hauptsächlich darum, dem Hörer Wärme, Liebe, positive Energie, schöne Gedanken und schöne Musik zu geben, nicht mentale Inhalte oder politische Ideen und Ideale. Man hat mir in den letzten fünf Jahren oft gesagt, dass ich zu kopflastige Songs schreibe. Das ist mir gut im Gedächtnis geblieben, weil ich selber gerne Musik höre und dabei Songs bevorzuge, die Gefühle transportieren, bei denen der Text gut passt, aber nicht so im Vordergrund steht. Ich will mich gar nicht von Songs mit Botschaft entfernen, Public Enemy habe ich früher viel gehört und höre sie auch heute manchmal wieder gerne, von Max Herre bin ich teilweise enttäuscht, da er diese Möglichkeit der Botschaft nicht mehr nutzt. Naja, wir sind halt alle Menschen und wir sind uns alle wahrscheinlich auch ziemlich ähnlich, was Gedanken und das Leben betrifft. Je älter man wird, desto weniger möchte man Leute bevormunden oder etwas vorkauen. Man möchte alle in ihrem Weg unterstützen, anstatt absolute Wahrheiten von sich zu geben. Die absolute Wahrheit gibt es nicht. Jeder Mensch ist anders und man merkt es mit zunehmendem Alter immer mehr, viele Menschen haben ihre Berechtigung. Das Dinge wie Rechtsradikalismus böse sind, darüber sind wir uns doch einig. Wichtiger finde ich, nicht die Symptome zu bekämpfen, sondern die Ursachen zu erkennen. Die Welt ist so schnelllebig, da ist Heilung etwas ganz uncooles. Mal gucken, vielleicht wird die Menschheit ja noch irgendwann ein gut organisierter Ameisenhaufen, in dem das Individuum wieder zurücktritt.

MKZWO: Da Mellow Mark nach ein paar Bruchstücken aus Visionen und Gesellschaftskritik wieder auf sich und seine momentane Vorstellung zu sprechen kam, möchte ich dieses Interview mit ein paar Sätzen zu seiner Selbsteinschätzung und seinen Zukunftsplänen ausklingen lassen.

Mellow Mark: Ich möchte gerne Melodien schreiben, möchte Harmonien komponieren, die mich selber flashen. Ich habe mich lange nicht mehr an den eigenen Rechner gesetzt, um Loops zu machen. Auf meinen Reisen durch die Welt habe ich meine Gitarre immer dabei, so entstehen die Songs, die ich mache. Da ich mir in meinen Kifferjahren ein musikalisches Grundwissen angeeignet habe, kann ich alles machen, was ich will und habe alle Möglichkeiten der Welt. Ich möchte nicht etwas darstellen, was ich nicht bin. Mir geht es nicht um eine Gruppe von Menschen, also zum Beispiel HipHop-Fans oder Reggae-Heads, sondern darum, universelle Musik zu machen. Wer das versteht und fühlt, unterstützt mich hoffentlich. Für den, der nur Roots Reggae hört, werden vielleicht nur zwei Songs auf dem Album cool sein, aber dafür ist die Mischung auch das Markenzeichen des Albums. Schon das erste war eine Mischung und das nächste wird noch krasser, da man ja immer mehr Musikstyles kennenlernt und sie auch irgendwann beherrscht. Die nächste Platte muss auf jeden Fall in den Arsch gehen, sie muss kicken und gut zum Abtanzen sein.