MKZWO Magazin

Mellow Mark

“Eine gute Sache ist es, glaube ich, sein Herz zu schützen, seinen Geist wieder zurückzustehlen, sein Bewußtsein wieder aufzubauen und stark genug zu sein, zu widerstehen, denn man ist sehr, sehr schnell wieder zurück im System.”

Da mir mit Mellow Mark ein sehr gesprächiger Interview-Partner gegenübersaß, kann die Unterhaltung hier nur verkürzt wiedergegeben werden. So mußten unter anderem leider Mellows Ausschweifungen dran glauben, in denen er auf verschiedene Mißstände in unserer Welt hinwies, wie zum Beispiel auf Kriege, die für Öl geführt werden. Ich hoffe, daß sich unsere Leser über solche Zusammenhänge trotzdem Gedanken machen.

MKZWO: Als ich Dich beim Mellowpark Jam vor einigen Jahren das erste Mal live erlebt habe, hast Du noch mit Band gespielt. Jetzt bist Du nur mit DJ Auge und Pyro unterwegs. Spielst Du auch noch mit den anderen?

Mellow Mark: Ah ja, das war damals unsere Straßenband. Wir waren drei Leute, und alle haben gleichzeitig gespielt und gesungen. Wir haben zum Teil dreistimmig gesungen, und es war ein bißchen rockiger. Den anderen Jungs war es aber zu viel, auf der Straße zu spielen, weil man dabei so gut wie gar nichts verdient, und sie machen jetzt keine Straßenmusik mehr. Dieses Jahr haben wir aber mit vielen anderen Leuten Straßentouren gemacht. Wir haben eine Tour mit einer kleinen Band gemacht - mehr so Latino-Style, mit Cajon, Saxophon, Gitarre, Baß und mit Jonglieren und Feuerspucken von Pyro und Basti. Wir waren im Prinzip drei Musiker und zwei Jongleure. Für die Videodrehtour sind wir einfach mit meinem Auto losgefahren. Über Paris nach Madrid, dann Barcelona, Genua und Berlin und haben dabei gedreht. Alles in einer Woche und mit dementsprechend wenig Schlaf.

MKZWO: Wieso habt Ihr Euch gerade diese fünf Großstädte ausgesucht?

Mellow Mark: Wir haben die Städte deswegen ausgewählt, weil sie alle einen gewissen Hintergrund zum Thema Revolution haben.

MKZWO: Was sagst Du zu den Kritiken, die der Song “Revolution” ja auch hervorgerufen hat?

Mellow Mark: Es gibt viele Kritiker, die uns Pseudo-Kommunismus vorwerfen – oder Kritiker, die uns vorwerfen, Revolution zu vermarkten. Jeder sieht es halt so, wie er es sieht. Für mich ist klar, daß wir Musiker sind, und daß man von irgend etwas leben muß. Ich würde meine Musik auch gerne verschenken, aber das ist so leider nicht möglich. Revolution ist letztendlich ein Begriff, der schon sehr belegt ist und der ja schon in der Werbung total verbraucht wird. In meinem Fall geht es darum, daß ich ein bestimmtes Lebensgefühl habe, das nicht mit dem von Marxisten übereinstimmt. Ein wichtiger Teil meines Lebens ist die Familie, das Miteinander - nicht das todernste Politisieren, sondern das Konkrete. Deswegen ist unsere Bühnenshow auch Unterhaltung mit politischen Statements und nicht ein politisches Statement nach dem anderen.
Revolution ist ein gemeinsamer Traum. Eine gemeinsame Utopie, über die man sich wiedererkennt. Den Song zu machen, war für mich auch erst einmal, ein Rauchzeichen zu senden, daß wir die und die Einstellung haben - daß wir natürlich von Musik leben, aber daß wir Musik auch viel zu viel lieben, als daß wir nur Geld verdienen wollten wie Leute wie Bohlen. Wir versuchen den Traum im Auge zu behalten und auf den Moment zu warten, wo man dann auch Aktion machen kann.

MKZWO: Du hast Dreadlocks und in Deinen Texten greifst Du zum Teil auf die Rasta-Rhetorik zurück. Wie ist Dein Bezug zu Rastafari?

Mellow Mark: Bei mir ist es so, daß ich mich viel mit Rasta beschäftigt habe - überhaupt auch mit der afro-amerikanischen Kultur - und ich habe sehr großen Respekt vor dem Schicksal, das die afrikanischen Sklaven erleiden mußten. Ich selbst bin Europäer und mir bewußt, was die Europäer in diesem Zusammenhang für eine Rolle gespielt haben. Wenn ich mich nach innen wende, finde ich da keinen weißen Gott und auch keinen Jah-Rastafari Gott, sondern einfach nur mich selbst und meinen eigenen Glauben. Grundsätzlich ist nicht wichtig, ob Gott jetzt Allah, Buddha oder Jah heißt, sondern der spirituelle Weg. Bei den Rastas geht es ja immer um ‘Roots‘ und ‘Back to the Roots‘. Es gibt sehr viele weiße Rastas, die zu mir sagen ‘Africa is motherland‘. Sie gehen davon aus, daß man von seinen Wurzeln abgeschnitten worden ist und verlieren dabei - glaube ich - aus den Augen, daß auch in Europa geschichtlich etwas passiert ist, was uns von unseren eigenen Wurzeln abgetrennt hat. Zum Beispiel die Zeit, in der Rom expandiert und das komplette Nordeuropa unterworfen hat. Die Kelten waren damals die noch herrschende Kultur. Die keltische Kultur ist sehr naturverbunden gewesen - man kann sie fast schon mit den nordamerikanischen Indianern vergleichen. Erst das römische Weltreich und die einige hundert Jahre später dazukommende katholische Kirche sind dafür verantwortlich, daß in Europa die ‘moderne Zeit‘ eingekehrt ist und die dunkle Zeit der Angstherrschaft gekommen ist. Wenn man das verfolgt, ist es nicht mehr so einfach zu sagen, Jah Rastafari sei auch für die Europäer geltend. Ich stehe dazu, daß ich Europäer bin und finde es bei einigen Leuten manchmal peinlich, wie sie Afrikaner und Afro-Amerikaner kopieren. Wenn sie die Musik und den Stil übernehmen und eins zu eins ins Deutsche oder schlechtes Patois übersetzen.

MKZWO: Wofür stehen dann Deine Dreadlocks?

Mellow Mark: Meine Dreads stehen für meinen eigenen Weg. Ich komme ja aus Bayern und wollte damit nach außen zeigen, daß ich anders bin. Es war für mich ein Signal, daß ich nicht den einfachen Weg gehe, sondern den steinigen, und ich zeige, wo ich mich zugehörig fühle.

MKZWO: Die WEA hat ja den Vertrieb für Dich übernommen. Hattest Du Bedenken, mit einer großen Firma zusammenzuarbeiten?

Mellow Mark: Ich habe ziemlich viele Bedenken, mit großen Firmen zusammenzuarbeiten, weil ich schon öfter bei Freunden, Bekannten und Kollegen gesehen habe, wohin das führen kann. Es ist eine Maschine, der man immer weniger entkommen kann. Da kommen dann zum Beispiel kalkulierende Leute auf mich zu und erzählen mir, daß Frauen gar nicht so auf meine Dreads stehen und ich sie mir vielleicht abschneiden sollte. Es gibt aber auch bei Plattenfirmen gute Leute, die versuchen, gute Sachen zu unterstützen. Auch wenn ich Ziele habe, die jenseits davon liegen, das große Geld zu verdienen und dem Konzern viel Geld einzubringen, nutze ich zur Zeit das Netzwerk des Vertriebes, um möglichst viele Leute zu erreichen.

MKZWO: Wie weit würdest Du in der Promotion gehen? Würdest Du zum Beispiel zu Stefan Raab gehen oder Deine Musik dem Bravo-Sampler zur Verfügung stellen, wie es andere getan haben?

Mellow Mark: Schwer zu sagen. Auf der einen Seite gibt es Leute, die einen mögen, weil man eben nicht auf dem Bravo-Sampler ist. Andererseits gibt es Leute, die überhaupt nichts von uns wissen und keine Ahnung von unseren Gedanken und unserer Message haben, die sich aber den Bravo-Sampler kaufen und dadurch dann vielleicht auch unseren Song hören würden. Grundsätzlich peile ich an, langfristig Musik zu machen. Ich möchte lieber einen Kreis von Leuten haben, die sich über Jahre meine Platten kaufen, als in einem Jahr super-gehypt zu werden und im nächsten ist es schon wieder vorbei. Mir geht es vor allem darum, viel live zu spielen und trotzdem ein paar Platten zu verkaufen – und das ist gar nicht so leicht heutzutage.

MKZWO: Wirst Du auch nächsten Sommer wieder Straßenshows machen?

Mellow Mark: Das ist eine Frage der Kraft und der Zeit. Außerdem muß man auch andere Leute haben, die da auch Bock drauf haben, weil man unterwegs ist, ohne daß finanziell etwas bei rauskommt. Die Energie der Straße ist aber eine wichtige Inspiration für mich, die mir hilft, auf dem Boden zu bleiben.