MKZWO Magazin

Manuellsen

Manuellsen ist sicher: Er ist next to blow und der Pott ist back. Mit ihm holte sich Samy Deluxe bereits den dritten Rapper aus dem Ruhrgebiet ins Boot, um mit Deluxe Records Ruhrpott Teil an den positiven Entwicklungen im Ruhrgebiet zu haben.

MKZWO: Was spricht dafür, dass Manuellsen mit seinen Ansagen recht haben könnte? Zum einen ist der 27-jährige Mülheimer nicht erst seit gestern im Geschäft. Von Jobs als Pop- und RnB-Songwriter, über German Dream und Shrazy, bis zu Deluxe Records und dem Major-Debut Inshallah: für Manuellsen ist Musik Berufung und Profession, kein Hobby zwischen Joints und Playstation. Zum anderen wird die „Rückkehr des Potts“ inzwischen von weit mehr Leuten als wahrgenommen, als von den beteiligten Rappern selbst. Snaga&Pillath veröffentlichten bereits ihr Debut-Streetalbum bei 3P und konnten sich mit ihrem zweiten Release („Eine Frage der Ehre“ bei Deluxe Records) als Punchline-Kings mit Substanz etablieren. Hinzu kommt Optik-Soldier Ercandize, der in Kürze mit Korree, Lakmann (Creutzfeld & Jakob) und Brenna & Desasta sein Ruhrpott-Label Assazeen starten wird. Man addiere Fard, Großmaul, Selfmade Records und einige weitere eigenständige Newcomer, und man bekommt eine ernstzunehmende Bewegung. Vor allem macht bislang aber eins den neuen Pott stark: der Zusammenhalt.

Manuellsen: Der einzige, der auf ’Inshallah’ nicht aus dem Pott kommt, ist Samy. Valezka ist natürlich auch dabei, aus Köln, aber das ist ja in der Nähe.

MKZWO: Bislang unterstützen sich die Artists der neuen Ruhrgebiets-Generation gegenseitig, das all zu oft treffende Bild der Krabben im Korb, die sich gegenseitig am hochkommen hindern, scheint hier Fehl am Platz. Selbst wenn, Gerüchten zufolge, Pillath und Manuellsen auf dem Splash unsanft mit dem Mainzer Selfmade-Rapper Kollegah „aneinander gerieten“, Fards Zukunft bei Assazeen an „persönlichen Differenzen“ mit Ercandize scheiterte oder Manuellsen und Erc zu Zeiten des Eko – Kool Savas Beefs auf verschiedenen Seiten standen: in Songs und Interviews war bislang nie ein böses Wort zu hören. Alle scheinen verstanden zu haben, dass sie vor allem gemeinsam eine Chance haben. Manuellsen ist nun der Erste, der mit einem Solo-Album auf einem Major-Label an die Öffentlichkeit geht. Langsam wird es Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen. Seine Rolle im Ruhrpott-Roster scheint leicht zu bestimmen: bei ihm treffen sich Rap und RnB, Englisch und Deutsch, schwarze Hautfarbe und fließend gesprochenes Türkisch. Mit einer Vergangenheit im RnB-Bereich und jahrelanger Feier-Erfahrung in den Clubs des Ruhrgebiets, scheint er prädestiniert dafür, einen festen Posten im Hiphop-Mainstream einzunehmen. Vielleicht lag hier der Grund, das Manuellsen vor den zuerst gesignten Snaga & Pillath ein wirkliches Album releast. Und vielleicht schafft es deutschsprachiger Rap mit ihm endlich in die Clubs. Versuche in diese Richtung, unternimmt Manuellsen auf „Inshallah“ zum Beispiel mit „Stomp“, das die Atmosphäre der Ruhrgebiets Crunk-Partys, die zum Beispiel auch Fler zum Stammgast in Bochumer Clubs machen, auf CD bringen soll. Einfühlsame Songs über Beziehungen und Familie wie „Dear Christine“ oder „Moms“ (featuring Snaga), das von Braheem gesungene „Ruhrpott Love“ oder die Hustling-Ballade „Hart Sein“, sollen auch Fans außerhalb des harten Kerns der Rap-Szene überzeugen.

Manuellsen: Auf „Inshallah“ ist eigentlich jeder Track persönlich. Vorher kannte man von mir ja hauptsächlich dieses Punchline-Game, dass den neuen Pott ausmacht. Auf einem Track habe ich jetzt klargemacht, dass das nach wie vor gar nichts ist, das durchzuziehen. Alle anderen erzählen alltägliche Geschichten, auf eine noch nie da gewesene Art. Alleine der zweite Song, „True Story“, wird einige aufhorchen lassen. RnB wird immer ein Teil meiner Musik sein. Ich höre auch privat fast nur RnB. Nicht so Massari ‚Sippin Don Perignon’-Style. Eher Soul-Sachen, wie Jaheim oder Jagged Edge. Solche Einflüsse wird man bei mir immer finden. Deswegen habe ich auch Braheem angerufen.

MKZWO: Der Respekt von den „Straßen“ sollte kein Problem sein. Manuellsen betont seine Verbundenheit zur Hood („Hood sind für mich türkische Familien, die seit 40-Jahren hier leben und trotzdem kein Wort deutsch sprechen“), lädt zu Interview-Terminen gerne in Cafés, in denen er selbst nicht immer sicher ist, wie sicher es hier ist, und lässt auf härteren Tracks keinen Zweifel aufkommen, das er keine Pussy ist. Aber:

Manuellsen: Gewalt ist für mich kein Thema, ich verabscheue nichts mehr als irgendwelche Gangster die sich ans Mic stellen. Wenn du ein richtiger Gangster bist und Geschichten mit Essenz erzählst, die Leute zum Nachdenken bringen, ist das etwas anderes. Es gibt nichts schöneres als Lebensgeschichten von bewegten Männern. Aber wenn du einfach irgendein Gangbanger bist, der von Leute-Erschießen und Drogen-Verkaufen erzählt... get the fuck outta here! Von solchen harten Jungs stehen gerade jetzt, während wir hier reden, bestimmt fünf draußen bei meinen Jungs. Wenn ich denen sagen würde ‚komm mal ins Studio, rapp mal, du bist doch so krass’, würden die mich ganz normal nicht mehr ernstnehmen. Ich bin kein Gangster und werde das auch nicht behaupten. Aber ich bin natürlich Hood und das ist etwas ganz anderes. Ich bin niemand, der ein Nacken-Kotelett kriegt und zum Bier holen geschickt wird. Ich bekomme hier Respekt und die Leute sehen mich gerne. An Orten, an die sich andere gar nicht trauen würden. Ich habe auch keine Angst davor, nach Kreuzberg, Neukölln oder Wedding zu gehen. Die Kanaken sind überall gleich. Ich bin überall cool. Ich weiß, wie ich mit harten Leuten umgehen muss, weil ich nur solche Leute kenne. Ich bin ein respektvoller Typ und komme immer gut klar.

MKZWO: Auf der anderen Seite ist Manuellsen eben auch der deutsche Rapper, der früher mal modelte und zum „Mister Sylt“ gewählt wurde. Der Rapper, der laut eigener Aussage nicht singen kann, den aber einige aus dem Ruhrgebiet früher noch singend auf der Bühne gesehen haben wollen. Ob es sich bei Braheem wirklich um Valezkas Cousin aus Berlin, oder das Gesangs-Alias Manuels handelt, wird wohl fürs Erste offen bleiben müssen. Angesprochen auf Braheem, antwortete Manuellsens ehemaliger Crew-Chef Eko Fresh dem Online-Magazin rap4fame.de: „Das ist kein Mensch, den ich kenne. Das ist ein Mensch, den Manuel (wenn überhaupt) kennt. Ich hab damit nix zu tun.“ Der Beef mit Eko Fresh ist derweil beendet. Beide geben sich heute wieder Respekt, Manuellsen freut sich, dass Eko „Black Music nach vorne bringt“ und respektiert, dass er sich mit „21 oder so ein Imperium aufgebaut“ hat. Eko gibt den Respekt zurück: „Manuel ist ein super Rapper und ein super Typ. Er hat es verdient, jetzt bei Samy Deluxe zu sein.“ Nach der Trennung von German Dream, mit denen er Deutschlandweit bekannt wurde, hatte sich Manuellsen zum Beispiel an Valezkas persönlicher Abrechnung mit ihrem Ex-Freund, „Kein du und ich“, beteiligt. Für Eko ist Manuellsen heute ein Beweis, dass bei German Dream „nicht alles so scheiße sein kann“, wie Hater behaupten. „Wenn Manuellsen mir meinen Respekt gibt und ehrlich sagt ‚Eko hat mir geholfen, mich mehr zu deutschem Rap gebracht und mir auch ein paar Techniken gegeben’ -dann bin ich vollkommen down mit ihm.“ Zumindest den letzten Punkt müssen die beiden, die laut Eko regelmäßig telefonieren, wohl noch mal besprechen. Manuellsen antwortet, auf Ekos Statement angesprochen: „Eko hat eigentlich immer versucht meinen Rap zu verbiegen, daran ist das mit mir und German Dream letztendlich auch gescheitert. Wenn du dir die Jungs von German Dream heute anhörst, und das sind ja teilweise immer noch meine Kollegen, merkt jeder das wir total unterschiedlich rappen. Das Eko mir Rap-technisch unter die Arme gegriffen hat, würde ich also nicht behaupten. Das einzige, was mir German Dream gegeben hat, war die Gelegenheit zum ersten mal als Artist auf einem so hohen Level zu arbeiten. Hinter den Kulissen war ich da aber auch schon lange im Musikgeschäft unterwegs. [...] Meine Statur und mein Äußeres waren natürlich auch attraktiv für ihn. ‚Ein großer schwarzer Typ, der kann bestimmt den 50 Cent machen’... Das ist halt so. Wenn Plattenfirmen dich angucken und du siehst aus wie der letzte Honk, kriegst du auch schwerer deinen Major Deal. Sex Sells...“ Man sollte Manuellsen also weder auf halb-amerkanischen Hood-Rap, noch auf RnB-lastige Frauen-/Club-Tracks festlegen. Manuellsen will auf seinen Alben alles zeigen – ob er’s kann, muss nun der Fan entscheiden. Inshallah beweist zumindest musikalische und thematische Vielfalt. Manuellsen representet, battelt und spricht über seine Gefühle ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er zeigt „Ruhrpott Love“, spittet mit „Guntongue“, ist aber auch für ungewöhnlichere Ansätze gut. Auf „Moms“ zeigt er so, an der Seite von Big Pillath, nicht nur seiner Mutter Liebe, sondern setzt auch ein Zeichen gegen Beleidigungen, die die Mutter des Anderen treffen: „wer Mütter disst hat keine gehabt“. Auf „Kids werden stoned“ wird Manuellsen sozialkritisch und erklärt Drogen-Konsum unter Jugendlichen mit der allgemeinen Perspektivlosigkeit. Drogen sind allgemein nicht Manuellsens Ding.

Manuellsen: Ich hab’ noch nie gekifft, ich verabscheue kiffende Leute. Ich trinke auch keinen Alkohol. Ich mag nichts, was den Geist berauscht. Hier in Mühleim sind schon viele Drogen im Umlauf, wie wohl überall wo es etwas krasser wird. Ich habe viele Leute auf Drogen abkacken sehen, auch in meinem Freundeskreis. Das ist auf jeden Fall traurig mit anzusehen. Aber das sind alles erwachsene Männer, jeder macht, was er macht. Die meisten Leute machen hier ihre Ausbildung, hängen dann aber doch wieder. Du siehst ja, wir sitzen hier nicht in einem 5-Sterne-Hotel sondern bei meinen Leuten. Ich schäme mich nicht dafür, das es hier abgefuckt ist. Andere würden sich vielleicht lieber im Mercedes, beim Cruisen interviewen lassen. Ich versuche was zu bewegen. Aber ich schäme mich auch nicht, wenn der ein oder andere meiner Kollegen etwas unrasiert ist oder so...

MKZWO: Durch seine Verbindungen in die Welt des Pop, in der er noch vor dem Rap Game zu Geld und Ansehen kam, kann Manuellsen heute von seiner Musik bereits gut leben. Das er mit 27 nicht mehr der jüngste „Newcomer“ ist, macht ihm daher wenig.

Manuellsen: Ich bin nach der zwölften Klasse von der Schule abgegangen, habe natürlich auch den ein oder anderen kleinen Job gehabt, dann aber direkt mit Musik mein Geld verdient. Mit 17 war ich schon bei einem holländischen Label gesignt und habe alles gemacht, was Bucks gebracht hat. Ich war mit einem sehr guten Produzenten-Team unterwegs, als Songwriter für Pop und RnB Songs. Heute habe ich eine gute Wohnung in einer guten Gegend mit Plasma TV und teurem Schmuck. Geld machen mit Musik ist vielleicht nicht einfach, aber machbar. Ob ich in Zukunft ausschließlich mit Musik mein Geld verdienen kann, wird sich dann zeigen. Bei mir gibt es ja auch keine großen Image-Kampagnen, ich bin ein normaler Typ aus dem Ruhrpott, der ein Album gemacht hat. Deluxe Records und auch die EMI sehen das Potential. Das sind Leute, die sonst Coldplay oder Robbie Williams signen. Wenn du Musik für deine Leute machst und das gut anstellst, wirst du auch dafür belohnt werden.

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