MKZWO Magazin

Main Concept

”Niemand hat angefangen HipHop zu hören, weil er die Texte geil fand.“

Main Concept. Keine andere HipHop Band aus Deutschland hat meine Gedanken und Auffassung von und zu deutschsprachigem HipHop so geprägt, wie diese. Angefangen damit, daß mit den Münchnern mein Einstieg in die sogenannte Szene begann, über zahlreiche Jams und Konzerte bis dahin, daß man letztendlich zu Freunden wurde und so machen HipHop technischen Gedankenaustausch führte. Anläßlich der im November erscheinenden neuen LP, und einer Recordreleaseparty für die neue Maxi war es mir also eine persönliche Ehre, den Vieren mit diesem Interview einen Teil dessen zurückzugeben, was sie mir jahrelang gegeben haben und gleichzeitig meinen Respekt auszudrücken, den ich ihnen gegenüber empfinde.

MKZWO: Ihr habt gerade die Arbeit an Eurer neuen LP beendet. Frage: Was wird uns erwarten? Gibt es Veränderungen, oder werdet Ihr Euren Weg fortsetzten?

Main Concept: Wir haben in der Zwischenzeit viel an unseren Fähigkeiten gearbeitet. Unsere Sounds klingen einfach ausgereifter, besser, sind N.Y.-orientierter als je zuvor. Aber auch raptechnisch hat sich einiges getan. So sind die Themen von ihrem Inhalt und ihrer Umsetzung her nicht mehr so naiv wie früher, und insgesamt auf einem höheren Niveau

MKZWO: Wirst Du trotzdem noch Deine politischen Texte bringen, für die Ihr ja bekannt seid?

Main Concept: Natürlich werde ich auch weiterhin meine politischen Texte machen, wobei ich versuche, die Inhalte deeper zu gestalten. Z. B. bei "Babyloon", dem Titellied und der gleichnamigen Vorabmaxi, geht's um die unfreiwillige Gefangenschaft in der westlichen Zivilisation und der ganzen Welt im allgemeinen. Dann wird es eine Fortsetzung von "Zwischen zwei Stühlen" geben, wobei es diesmal um die ganzen Ausländer geht, die in Deutschland wohnen und hier voll auf wichtig machen, weil sie Türken oder weiß' ich was sind. Es wird aber auch einen Track mit Wasi geben, in dem einfach nur stylistcs gekickt werden. Naja, und die anderen Texte sind auch nicht allzu politisch, aber ganz weglassen wollten wir es dann auch nicht. Ich finde das machen eh zu wenige. Die meisten rappen doch nur noch darüber wie geil sie sind und wie geil sie rappen. Viele sind auch auf diesem Vergleichs-Metapher Style, aber das langweilt mich.

MKZWO: Du setzt also weiterhin darauf, die Leute anzuregen über ihr Umfeld, ihre Situation nachzudenken …

Main Concept: … Ja, das ist mein Job! Einer muß es ja machen. Ich meine, ich habe auch Bock darauf, weil ich keinen Sinn darin sehe, sinnloses Zeug zu erzählen wie viele andere. Alles in allem wird die neue LP einfach die selben Charakterzüge tragen und auch von der Grundidee der 1. LP ähnlich sein. Typischer Main Concept-Sound halt. Es sind ja immer noch die selben Leute, auch wenn das Ding aus rechtlichen Gründen unter David P. Soloplatte läuft.

MKZWO: Wenn man sich die Veröffentlichungen der letzten Zeit, und hierbei hauptsächlich die Ami-Sachen anhört, hat man öfters das Gefühl, daß Innovationen fehlen. Glaubt Ihr das HipHop seinen Höhepunkt, als innovative Musik, hinter sich hat?

Main Concept: Nein! Aber die Amis sind im Augenblick in einer extremen Stagnationsphase. Da geht Nix mehr vorwärts, da kommen Sachen raus, die sind nicht mehr neu. Die Typen rappen geil, die Beats sind geil, aber im Endeffekt hört sich alles gleich an. Aber vielleicht ist das auch nur eine vorübergehende Phase.

MKZWO: Könnte eine der Ursachen für diese momentane Stagnation der Faktor Geld sein? HipHop ist schließlich eine Art "Markenartikel" geworden und verkauft sich zumindest in den USA (und mittlerweile nicht nur dort) besser als je zuvor.

Main Concept: Das kann man so nicht sagen, weil es gibt so viele Bands und Projekte in den USA/N.Y. die nur sehr wenig oder gar kein Geld mit ihrer Musik verdienen. Company Flow z.B., die so undergrounding sind, daß selbst Leute aus N.Y. die nicht kennen. Aber weil irgendwelche Freaks im N.Y. Underground wühlen und die Sachen importieren, können wir diese Scheiben kaufen. Man kann drüben damit bestimmt mehr Geld verdienen als hier, aber auch nur wenn Du die Qualifikationen dafür hast, oder den großen Deal bekommst. Bei einem kleinen Indielabel ist die Situation ähnlich der hier in Deutschland.

MKZWO: Wäre es möglich, daß durch den Einstieg von HipHop in die Charts, siehe Lil'Kim, Nas, Fugees u.a., auch deutschsprachiger HipHop nochmal einen Schub erhält?

Main Concept: Auf jeden Fall. Schau dir nur mal an, wie viele hier mit Wu-Shirts rumrennen, oder schalt die Nachrichten ein …

MKZWO: … Aber sind das größtenteils nur Konsumenten?

Main Concept: Natürlich sind es Konsumenten, aber damit die Produzenten produzieren können, damit es sich etablieren kann, brauchst du nunmal auch die vielen Konsumenten. Schau mal nach USA. Die haben ne Menge Boys & Girls, sprich Konsumenten, die auf den Shit stehen und ihn konsumieren. Deshalb haben die auch so einen Aufschwung, und bekommen viele Majordeals. HipHop erreicht im Moment mehr Leute, als jemals zuvor. Die letzte große HipHop-Welle war damals bei Public Enemy und NWA, da haben echt viele Rap gehört. Naja und im Moment ist es halt wieder so. Die Kids können sich mit dem Sound und der dazugehörigen Attitude identifizieren. Sei's übers Kiffen oder sonst irgend was. Aber HipHop scheint den Kids etwas zu geben. Und das kann nur gut sein für alle Beteiligten und HipHop im allgemeinen.

MKZWO: Wenn wir den Fokus auf unsere Heimat richten, werden wir feststellen, daß sich überall die Möglichkeiten sei es in der Presse, den Medien, Studios etc. verbessern. Ist deutscher HipHop das Zukunftsding?

Main Concept: Aber sicher! Aber auch durch Gruppen wie Der Wolf oder Tic Tac Toe, was letztendlich auch Sprechgesang ist, wenn auch ziemlich schlechter. Im Grunde genommen gewöhnen sich die Leute an diese Art musikalischer Ausdrucksform. Es gibt viele Jugendliche, die sich so etwas anhören und darauf abfahren. Vielleicht kommen die auch mal auf den Trichter und wollen was ausdrucksvolleres hören. Manchen ist es ja echt egal, was da gerade läuft, ob HipHop, Rock oder Techno, Hauptsache es geht ab. Aber die Meisten machen sich früher oder später schon mal Gedanken über das was sie hören. Um nochmal auf die Zukunftschancen zu kommen. Immer mehr Kids haben einfach keinen Bock auf handgemachte Rockmusik, sondern wollen lieber beatbetonte Mucke hören. Und da HipHop ein Teil dieser "Beatmusik", zu der u.a. auch Techno oder Drum-n-Bass zählen, sind, sehe ich, die Zukunftschancen durchaus positiv.

MKZWO: Ist dieser Trend zum Genre "Beatmusik" auch Ausdruck einer Jugend und ihrer Ansichten, kurz einer Jugendkultur? "Beatmusik" läuft ja hauptsächlich in Diskotheken, wo die Leute tanzen wollen und die Umwelt und ihre Probleme hinter sich lassen wollen.

Main Concept: Ich denke, den Leuten geht es hauptsächlich um die Sounds. Wir leben schließlich in Deutschland wo niemand akzeptiert, wenn ein anderer ihm etwas erzählen will. Man kann nicht mehr hingehen, so wie früher, und sagen: "ey, was ich mache, ist richtig, und euer Ding ist scheiße". Das wollen die Leute doch gar nicht hören, die fühlen sich ja gleich auf den Schlips getreten. Wenn du deine Message aber cool verpackst und die Beats auch rocken, hören die Leute sich deine Musik, und irgendwann auch mal deine Texte an. Denn die Leute kriegen ihren Zugriff auf HipHop eigentlich über die Musik. Niemand hat angefangen, HipHop zu hören, weil er die Texte geil fand. Aber die Texte sind wichtig, gerade beim HipHop.

MKZWO: Hast Du mit Wörtern, die Du sagst, und der Message die Du rüberbringst also auch eine gewisse Verantwortung zu tragen?

Main Concept: Na klar habe ich auch eine Verantwortung. Das habe ich erst vor kurzem bei einem Auftritt von uns gesehen. Während des Freestyles fange ich, weil mir nichts besseres einfällt, davon zu rappen, wie dicht ich bin, und schon gehen die ganzen kleinen Scheißer ab. Dann merkst du, was du für eine Verantwortung trägst. Einerseits sprichst du einigen aus der Seele, indem du, sagst daß Kiffen geil sei, andererseits stehen da unten aber auch 14 und 15 jährige, und die hören das auch. Denen kannst du in dem Alter echt alles erzählen, die glauben das. Sich dann aber da vorne hinzustellen und zu erzählen "Party, alles scheißegal, nur ficken und rumhängen", das bringt es einfach nicht. Wenn du auf der Bühne stehst, dann hast du eine Vorbildfunktion, und da verlange ich auch was als Musiker von dir. Vor allem Leute, wie die Fetten Brote sind in so einer Position. Die haben ja ein gesundes Weltbild und sind auch nicht dumm, aber das äußert sich nicht in ihren Texten, und das finde ich irgendwie schade! Wahrscheinlich liegt es auch im Interesse des Majors, selbiges zu tun und irgendwelche Partytexte oder Kindergarten Fun Scheiß von sich zu geben. Das ganze ist halt strikt auf Minderjährige ausgerichtet. Ich möchte lieber Sounds für Leute meines Alters machen, mit denen sie sich identifizieren können und dann habe ich auch einen gewissen künstlerischen Anspruch. Zugegeben , Deutschland ist von dem, wie die gesamte Musikwelt funktioniert, schon ein recht schwieriges Pflaster für seriöse Künstler mit guten Sounds. Aber das Bedürfnis ist vorhanden, und deshalb sollte man es wenigstens versuchen. Nimm z.B. unsere neue Maxi "Babyloon". Viele sind im nachhinein angekommen und haben gefragt "Ey, was ist ein Babyloon". Also habe ich es denen erklärt und inzwischen ist Babyloon schon ein richtiges Schlagwort geworden.

MKZWO: Besteht da nicht die Gefahr, daß diejenigen, die sich nicht über die Bedeutung des Wortes im klaren sind, es mißbrauchen könnten?

Main Concept: Na klar besteht die Gefahr, aber mir ist es lieber, die Leute rennen rum und sagen Babyloon, und finden es einfach cool. Ich denke nämlich, daß sie sich früher oder später schon mal Gedanken über die Bedeutung und Geschichte des Wortes machen werden. Ich will ihnen damit einen Gedankenstoß geben. Ich meine, daß ich nicht erwarten kann, daß diejenigen, die auf ein Konzert von uns gehen oder sich die Platte kaufen, sich die Texte anhören und anschließend in die Bibliothek rennen und zwei Wochen später als erleuchtete Menschen durch die Welt gehen und vor Weisheit nur so protzen. Ich habe aber Bock über solche Dinge zu erzählen. Wer sich dafür interessiert, der wird es sich anhören. Aber sich hinzustellen und irgendeinen Dreck zu erzählen, das interssiert doch noch viel weniger. Jeder hat da eine Verantwortung sich selbst gegenüber. Aber es gibt ja verschiedene Stilrichtungen im HipHop und jeder sollte sein Ding machen. Je breitgefächerter HipHop ist, desto besser ist er, da du mehr Menschen erreichst, als wenn alle nur eine Schiene fahren würden. Mehr Aufmerksamkeit kann nur von Vorteil für die Szene und HipHop als Gesamtding sein.

MKZWO: KRS hat auf einer Pressekonferenz gesagt, daß es nur von Vorteil sein kann, wenn Leute wie Puff Daddy oder Lil'Kim auch die kommerziellere Seite von HipHop abdecken, da dadurch HipHop immer mehr wächst und wächst und schließlich alle anderen Stile überrollt.

Main Concept: Also bei den Amis verbindet nicht HipHop sondern der Umstand, daß sie schwarz sind, und alleine dadurch bauen sie sich schon eine Gemeinschaft auf. Denen geht es in erster Linie nicht um HipHop sondern um Blackness. Das ist bei denen der Identifikationspunkt. Hier bei uns ist der Indentifikationspunkt aber HipHop und deshalb haben die Leute hier im Vergleich zu den USA auch so versteifte Gedanken. Außerdem sind die Freaks hier noch extrem neidisch. Keiner gönnt keinem etwas, und wenn einer etwas cooles macht, dann heulen alle rum und fangen an zu kritisieren. Neid scheint ein schlechter Grundcharacter der Deutschen zu sein. Die Amis sind in dieser Beziehung einfach toleranter. Deshalb sehen sie die ganze Sache auch nicht so eng. Nimm als Beispiel nur mal den Freundeskreis. Die machen eine Platte, die sich ein paar mal mehr verkauft und schon rennen die Ersten mit Selloutvorwürfen rum. Oder damals bei Tobi & Bo oder den Broten. Das waren damals die Ersten, die dieses Fun Rap Ding gemacht haben, einen Majordeal hatten, auf Viva und was-weiß-ich-sonst-wo-waren und schon riefen alle Verrat. Aber Tobi & Bo machen ja nicht irgendeinen Scheiß, sondern echt geile Sachen. Für die Entwicklung des deutschsprachigen HipHop war es sicherlich auch von Vorteil, daß es die Fanta's gegeben hat und immer noch gibt. Wer weiß, wo wir heute wären. Ich denke auch, daß die Leute im Augenblick auf dem Trip sind, daß sie begreifen, daß man nur weiterkommt, wenn man sich zusammen tut und gemeinsam arbeitet.

MKZWO: Was im Augenblick vielleichtnoch fehlt, sind Personen, die das Ganze Untergrundding auch finanziell unterstützen …

Main Concept: Von den Majors hat doch sowieso keiner einen Plan (bis auf wenige Ausnahmen, Anm. d. Red.), wie sich HipHop anhören soll. Das geht schon damit los, daß sie nicht mal wissen, wie sie den Sound mischen sollen, oder wo man am Besten mastern läßt. Das beste Ergebnis erzielt man im Augenblick immer noch, wenn man seine Sachen selbst anpackt.

MKZWO: Also müssen die Innovationen und Ideen immer von "unten" kommen?

Main Concept: Die Aufgabenteilung ist doch klar. Die Majors sind im Endeffekt nichts weiter als Dienstleister, die Exekutive sozusagen, deren hauptsächliche Aufgabe darin besteht, unsere Tracks zu pressen und anschließend in die Läden zu bringen. Für die Musik sind halt die Musiker selbst zuständig. Deshalb kann ich es auch nicht nachvollziehen, wenn irgendwelche Plattenfuzzies mir in meine Musik reinreden wollen. Wir sollten endlich damit anfangen, die wichtigen Positionen zu besetzen und unser Ding durchziehen.

MKZWO: Gab es bei all Euren persönlichen Erlebnissen in letzter Zeit eigentlich jemals den Gedanken, Main Concept aufzulösen und mit HipHop aufzuhören?

Main Concept: Nein! Okay, einerseits hätte ich mehr Zeit fürs Studium und weniger Streß. Andererseits wäre mein Leben nicht mehr erfüllt, und ich hätte auch keinen Spaß mehr daran. Ich meine, wir machen das jetzt schon seit über 7 Jahren. Warum sollten wir plötzlich damit aufhören? Solange es Spaß macht, werden wir wohl weitermachen.