MKZWO Magazin

Herr von Grau

MKZWO: Guten Tag der Herr! Oder sollte ich besser sagen: die Herren? Ich sehe mich hier mit zwei Menschen konfrontiert, obwohl ich nur einen erwartet hatte. Was ist hier los?

H.v.G.: Nun ja, Herr von Grau gibt es nur zu zweit. Einmal den grauen Herrn, der die Beats macht und rappt und den Kraatz, der das ganze aufnimmt, abmischt, den gesamten Entstehungsprozess der Songs überwacht, seinen Senf dazugibt, am Ende noch einmal mitarrangiert, die gesamte Öffentlichkeitsarbeit macht, live den DJ und Backup- MC markiert, das ganze graue Projekt zusammenhält und managet.

MKZWO: Das klingt ja nach einer sehr guten, effektiven Arbeitsteilung. Wie kam es denn dazu?

H.v.G.: Wir lernten uns auf einem Punkrockkonzert im Kreuzberger SO36 kennen. Wir hören ja neben Rap auch noch viel andere Musik, der Kraatz ist unter anderem auch Schlagzeuger der Hardcoreband "Nihilists". Wir wurden uns von einem gemeinsamen Freund vorgestellt, der wusste, dass Homestudiobetreiber Kraatz gerade einen Rapsampler rausbringen wollte und ich rappte. Wir verstanden uns auf Anhieb und nahmen einen Song auf, noch über einen Beat von Kraatz. "Der große Schmerz", das besagte Lied , landete dann aber nicht auf dem Sampler, da dieser nicht zu Stande kam. Stattdessen stampften wir das erste Album" Blumenbeet" innerhalb von drei Monaten aus dem Boden. In dieser ersten Phase der intensiven Zusammenarbeit kristallisierte sich diese Art Arbeitsteilung heraus.

MKZWO: Und, seid ihr zufrieden mit euren Rollen, entspricht das euren Anlagen?

H.v.G.: Ja, das entspricht so tatsächlich unseren Anlagen. Ich bin das totale Chaos, irrational, eine technische Niete und hasse es Sachen fertig zu machen und sie zu vermarkten. Das alles liegt dem Logiker Kraatz richtig im Blut. Der behält da den Überblick und treibt mich notfalls an. Wir ergänzen uns da fantastisch.

MKZWO: Jetzt mal an den grauen Herrn: Wie kommst du auf diese Texte? Die sind ja, mit Verlaub, oft ziemlich schräg und um die Ecke.

H.v.G.: Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht wirklich. Ich schreibe halt einfach, weil ich es muss. Es ist fast mit kacken zu vergleichen. Ich muss es tun, da ich sonst platze und irgendeine arme Sau den Dreck dann von der Wand kratzen müsste. Wär ja nicht zumutbar. Inspiriert werde ich von vielem: Meiner direkten Umgebung, der Zeitung, meinen Träumen etc. Kann schon passieren, dass da Schräges bei rauskommt. Bin ja auch kein einfacher Typ.

MKZWO: Ja, dass du kein einfacher Typ bist, hatte ich mir schon gedacht. Was hast du eigentlich für ein Problem mit Gott bzw. Religion?

H.v.G.: Ich habe überhaupt nix gegen Religion an sich. Soll doch jeder glauben, was er will, solange er damit nicht anderen auf den Sack geht. Womit ich tatsächlich ein großes Problem habe, sind religiöse Institutionen, vor allem die großen monotheistischen. Ich sehe nicht, was Christentum bzw. Islam der Welt Gutes tun. Ganz im Gegenteil. Leute sprengen sich in die Luft in der Hoffnung auf Sex mit etlichen Jungfrauen, und der ja so menschenfreundliche Papst nimmt gern in Kauf, dass Millionen von Afrikanern an Aids krepieren, weil sie diesem häßlichen, alten Mann glauben, dass Kondome Sünde sind. Außerdem macht es mir Angst, wieviel Macht diese Leute haben, sogar hierzulande. Wenn etwas nicht durch unsere hochgepriesene Meiungsfreiheit gedeckt ist, dann Religionskritik.

MKZWO: Wie meinst du deinen letzten Satz genau?

H.v.G.: Zwei Beispiele: Die CSU, eine immerhin angeblich demokratische Partei, diskutiert ernsthaft darüber, die MTV-Serie "Popetown" zu verbieten, da der Papst dort verunglimpft werde. In Berlin muss eine Ausstellung dänischer Künstler ein islamischkritisches Bild aus dem Programm nehmen, da ein Mob von aufgebrachten Moslems droht, gewalttätig zu werden. Ließe sich jetzt lang weiterführen, diese Liste.

MKZWO: Ok, zurück zur Musik. Es findet sich nahezu kein Track über Rap bzw. ein Battletrack in eurem Repertoire, mit Ausnahme von "Mama", einem Track, in dem Rapperverhalten ganz schön aufs Korn genommen wird. Seid ihr jetzt total gegen so was? Man könnte zumindest leicht den Eindruck bekommen, dass dem so ist...

H.v.G.: Quatsch! Ich steh total auf Battlerap, wenn er geil gemacht ist. Ich hab da nur selbst keinen unbedingten Drang zu, sowas zu machen. Ich will aber keinesfalls ausschließen, auch mal irgendwann einen Battletrack zu machen. Zu Mama: Ich persifliere gern Leute, die sich brutal ernst nehmen. Es steht jedem frei, das auch mit mir zu tun.

MKZWO: Mit Gangster-Rap kannst du dann bestimmt aber gar nichts anfangen, oder?

H.v.G.: Genau wie beim klassischen Battlerap: Wenns irgendwie geil gemacht ist, dann her damit. Es scheint nur in Deutschland die seltsame Ansicht zu herrschen, dass ein Gangsterrapper gar nicht rappen können muss.

MKZWO: Wen meinst du denn genau?

H.v.G.: Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dieses superdämliche, kleinkindische DerHerrvonGrauhatdenoderdengedisst Spielchen mitmache, oder? Mit so ner Kacke will ich nix zu tun haben. Hier gehts um Musik, und die die mir nicht gefällt, hör ich mir einfach nicht an.

Kraatz: Aber jeder Interviewer versucht sowas zu schüren. Deswegen mal die Frage an dich Kalle: Wieso?

MKZWO: Na, die Leute interessieren sich halt nur am Rande für Musik. Was wir brauchen, sind Storys, am besten Beef. Denn Stress sells! Sorry Jungs, ich konnte diese Verhaltensweise nicht komplett ablegen, bin halt so "erzogen" worden. Ich interessiere mich aber ernsthaft für eure Mucke, so wie die meisten unserer Leser. Also: Könnt ihr mir ein paar eurer Einflüsse nennen?

H.v.G.: Na ja, so ziemlich jede Mucke, die ich irgendwann mal geil fand, beeinflusst mich irgendwie. Ich versuche mich bei Produktionen immer dem Optimalsound , den ich im Kopf höre, anzunähern. Und dieser ist ja die Summe von allem was ich mal geil fand, irgendwie. Als "Alltime- favourites" von mir könnte ich zum Beispiel Portishead, DJ Teebee, FSOL, Mobb Deep und Masta Ace nennen. Da gibt‘s aber noch ne Menge anderes Zeug.

MKZWO: Mal zum aktuellen Release "Heldenplätze": Was erwartet die Hörer?

H.v.G.: Storys, jede Menge Storys. Aber auch den ein oder anderen politischen Track gibts zu hören. Auch meinem Hobby, scheinbar nebensächliche Situationen in Liedform festzuhalten, bin ich natürlich wieder nachgegangen. Ach ja! Die Frauen! Die kommen da auch vor. Von den Beats her gewohnt wechselhaft, zwischen eher synthetisch und klassisch samplig hin und her switchend. Die ein oder andere Anleihe an Drum`n Bass ist ganz sicher herauszuhören. Aber auch mehr Jazz und Blues als der Vorgänger "Blumenbeet". Insgesamt ist es wohl die reifere Scheibe.

Kraatz: Yo! Fädda Scheiß! Kaufen! Diggaaaa! Und natürlich ist auch eine Verwandlung des Klangbildes zu hören. Ich habe diesmal alles analog gemischt und hinterher über Band gezogen. Deswegen hört sich diesmal alles entschieden wärmer an als beim letzten Mal. Is schön, vor allem auf der Vinyl-Version kommt das geil.

MKZWO: Wo kann man euch denn mal live erleben?

H.v.G.: Einfach den Myspace- Kalender checken. Sind jetzt im Sommer ganz gut unterwegs.

MKZWO: Dann danke ich euch, dass ihr euch Zeit genommen habt und wünsche euch viel Erfolg mit der neuen Scheibe! Das letzte Wort habt natürlich ihr!

H.v.G.: Auch Danke. Und Worte sollten allen gehören!

Kraatz: Und nicht soviel Beef schüren, Kalle!

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