MKZWO Magazin

Gentleman

“Ich glaube, als Weisser im Knast auf JA zu landen, ist keine Erfahrung, die man unbedingt machen sollte.”

Als ich am 29. Januar an der Rezeption des C C H Hotels nach der Zimmernummer von Mr. Gentleman fragte, um mit ihm dieses Interview zu machen, wußte von den Angestellten keiner so recht, was ich von ihnen wollte. Ich war sehr erfreut und überrascht, einen ziemlich entspannt und locker wirkenden Tillman Otto aka Gentleman anzutreffen. Das einzige, was der ganzen Sache nach einem wirklich interessanten Gespräch einen Wermutstropfen beimengte, war, daß mein Aufnahmegerät den den Dienst versagte. Deshalb ist dieses Interview auch etwas knapp ausgefallen.

MKZWO: Auf deinem neuen Album featurest du einige sehr namhafte Artists wie Capleton, Luciano oder Junior Kelly. Welche Eindrücke und Erfahrungen hast du bei der Zusammenarbeit mit ihnen gemacht?

Gentleman: Es war auf jeden Fall sehr nice. Man ist mir immer sehr freundschaftlich begegnet. Luciano, bei dem ich auch eine Weile gewohnt habe, verschaffte mir tiefere Einblicke in Rastacommunities und erwies sich auch sonst als unternehmungslustiger Gastgeber. Außerdem verschwimmen die Grenzen immer mehr, da auch immer mehr jamaikanische Künstler in Deutschland auftreten und auch mit deutschen Artists Tunes aufnehmen – sozusagen ein positiver Nebeneffekt der Globalisierung.

MKZWO: Wie ich gelesen habe, ist Capleton gleich mit dreißig Bobos im Studio aufgetaucht.

Gentleman: Ja, Capleton geht nie allein aus dem Haus. Es war schon sehr beeindruckend: lauter große Rastas mit Turban und dann Capleton selbst, der eher klein ist, in der Mitte. Aber als es um die Aufnahmen ging, war er voll bei der Sache.

MKZWO: Im Gegensatz zu deinem ersten Album finden sich auf “Journey to Jah“ spürbar mehr jamaikanische Einflüsse und gar keine deutschsprachigen Features mehr.

Gentleman: Na ja, das Album ist auch komplett auf Jamaika produziert worden. Von daher ist das nicht verwunderlich.

MKZWO: Wie empfindest du das hin und her pendeln zwischen Deutschland und Jamaika?

Gentleman: Ich brauche auf jedenfall beides. Wenn ich zum Beispiel eine ganze Weile auf JA war, weiss ich erst, wie gut es uns in Deutschland geht. Auf Jamaika gibt es viele Dinge, die man hier in Deutschland nicht findet.

MKZWO: Du bist, wie ich hörte, beim Kwansat-Festival in Kingston vor 30.000 Einheimischen aufgetreten. Kannst du beschreiben, was das für ein Gefühl war?

Gentleman: Es war Adrenalin pur! Eine sehr gewaltige Erfahrung!

MKZWO: Gibt es eine klare Botschaften die du deinen Fans vermitteln willst?

Gentleman: Also, ich sehe mich persönlich nicht in der Rolle des Messengers. Vielmehr geht es darum: Wenn man ein nices Erlebnis hat, verspürt man doch das Verlangen, dieses mit jemanden zu teilen. Und das ist es, was ich mit meiner Musik versuche.

MKZWO: Du hast ja schon viel mit Live Bands und Soundsystems zusammengearbeitet. Hast du eine Vorliebe für eines der beiden?

Gentleman: Nein, ich finde beides ist notwendig. Beim Soundsystem hat man eher diese dämmrige Clubatmosphäre, wo es dann richtig zur Sache geht, und der Saal kocht. Auf der Bühne ist es dann eher diese hellere Konzertatmo und da ist halt die Riddimsection am Start. Das läßt sich nicht wirklich vergleichen. Aber wenn ich das neue Album vorstelle, passiert das auf jeden Fall mit Live Band.

MKZWO: Mit der Killing-Riddim-Section?

Gentleman: Nein, wir haben uns getrennt.

MKZWO: Warum das?

Gentleman: Das hat sich halt so entwickelt. Man hat schon viel zusammen gemacht und getourt. Langsam kommt bei dem ein oder anderen der Nachwuchs ins Spiel. Da kann man nicht mehr das ganze Jahr über ’rumtouren, sondern behält automatisch auch die Familie im Auge.

MKZWO: Bei dir hat sich, wie ich hörte, auch Nachwuchs eingestellt. Hat sich dadurch dein Leben verändert?

Gentleman: Ja, natürlich! Man kann nicht mehr nur an sich denken. Da ist nun jemand, für den man verantwortlich ist. Da ändert sich einiges schlagartig. Aber ich schöpfe soviel Freude und Kraft aus meinem Sohn, und das fließt dann auch in meine Texte und in meiner Musik.

MKZWO: Ich wurde des öfteren mit der Frage konfrontiert, warum du auf Konzerten zwischen deinen Songs nicht deutsch mit deinen Fans sprichst, sondern Patois. Doch viele verstehen den Slang nicht und damit auch nicht das was du sagen willst.

Gentleman: Hm, sollte ich vielleicht tun. Hab’ ich noch nicht so darüber nachgedacht. Wenn man auf der Bühne steht und voll in den Vibes steckt, ist es schwierig, auf einmal einen Break zu machen, weil man ja in Patois denkt. Ich bewundere Menschen, die das drauf haben. Darüber hinaus gibt es aber auch immer deutschprachigen Reggae wie Seeed oder Jan Delay, und von daher denke ich, ist das schon okay.

MKZWO: Wie ist das mit dem Ganja auf Jamaika?

Gentleman: Also da sollte man vorsichtig sein. Ich hatte mal ein Erlebnis auf einem Revier. Da hatte man mich auf einem Hinterhof erwischt und der Beamte sagte zu mir: ”I defend de Law a yu broke de Law. I bring yu to Bombocloth jail.“ Danach hat er mich noch ’ne Weile finster angeschaut und mir dann beruhigenderweise zu verstehen gegeben, ich könne jetzt gehen. Ich glaube, als Weißer im Knast auf JA zu landen, ist keine Erfahrung, die man unbedingt machen sollte.

MKZWO: Zuletzt noch ein Thema, was mich pesönlich immer sehr beschäftigt. Was hat es mit den ganzen Battyman und Chi Chiman Tunes auf sich? Gibt es auf Jamaika wirklich so ein Homosexuellenproblem? Das kann ich mir gar nicht so richtig vorstellen.

Gentleman: Nein, es gibt kein Homosexuellenproblem auf JA. Ich denke, das ist eher so eine biblische Sache. Obwohl ich diese Tunes selbst nicht mag, gehören sie halt wie die Gunman und die Culture Tunes zum Dancehallstyle dazu. Man kann einem Bounty Killer, der im Ghetto aufgewachsen ist, nicht aufeinmal vorschreiben: “Du machst jetzt keine Battyman Tunes mehr.“ So was läuft halt nicht.
 

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