MKZWO Magazin

Amewu

Amewu ist in der deutschen Rap Szene schon lange kein Unbekannter mehr. Schon seit vielen Jahren fester Bestandteil des Berliner Untergrundraps, machte ihn 2009 sein Debutalbum "Entwicklungshilfe" als einen der besten und talentiertesten (Live-) MC's Deutschlands bekannt. Der im Juni 2012 erschienen Nachfolger "Leidkultur" beweist eindrucksvoll dass er diesen Ruf vollkommen zu Recht genießt. Und das Rap sowohl technisch exzellent als auch inhaltlich intelligent und anspruchsvoll sein kann. Ein Gespräch mit einem „kompletten MC“ und sehr intelligentem Menschen.

MKZWO: Hallo Amewu, schön dich zu treffen. Seit deinem letzten Album sind nun über 3 Jahre vergangen. Was hast Du die ganze Zeit gemacht?

Amewu: Ich hab gelebt. Erfahrungen gesammelt. Viele Erfahrungen. Auf manche dieser Erfahrungen hätte ich im Nachhinein verzichten können, aber sie sind nun Teil meines Lebens und all das was ich fürs Album gemacht habe, wäre nicht wie es ist, wenn meine Vergangenheit eine andere gewesen wäre.

MKZWO: Was waren das für Erfahrungen?

Amewu: Das kann man ja auf dem Album teilweise hören. Ich finde das ist schon sehr persönlich und offen. Ich möchte das jetzt nicht unbedingt in allen Einzelheiten ausbreiten. Das wäre mir zu Realitysoap mäßig. Es geht ja in erster Linie immer noch um Musik.

MKZWO: Wenn man das Album hört könnte man denken Dir wäre es die vergangenen 3 Jahre eher nicht besonders gut ergangen.

Amewu: Wenn man Alben anderer Menschen hört könnte man denken ihr Leben besteht nur aus Parties, andere haben ununterbrochen Ärger mit dem Gesetz oder treffen jeden Tag einen Menschen in den sie sich unsterblich verlieben, wieder andere machen anscheinend nur Scherze und meinen nie etwas ernst.

MKZWO: Ist das dann auch wirklich so?

Amewu: Meistens nicht. Das Album behandelt größtenteils einfach ein bestimmtes Thema. Leid.Wobei ich sagen muss, dass es trotzdem auf jeden Fall einen meiner Charakterzüge darstellt der besonders in meiner letzten Lebensphase sehr dominant war.

MKZWO: Dein Album „Leidkultur“ ist jetzt bereits seit dem 15.Juni draußen. Wie sind die Reaktionen?

Amewu: Durchweg positiv. Sowohl von Reviews wie auch von persönlichem Feedback her. Bis auf Julian, der beim Interview für die Juice anmerkte, er könne das Album nur schwer am Stück durchhören, weil ihm die auflockernden, humorvollen Passagen fehlen, hält sich die negative Kritik sehr in Grenzen. Ich kann aber auch einfach nicht bei nem Album mit ner bestimmten Stimmung irgendeinen Witz reinhauen, um alles aufzulockern. Leid is Leid NaNaNaNaNa. Viele sagen mir halt genau das Gegenteil. Sie können das Album komplett durchhören und durchleben bei einigen Songs alte Erfahrungen, die zwar teilweise unangenehm waren, aber das erneute Durchleben dieser hat trotzdem etwas Befreiendes. Für mich ist das Schreiben und Hören so eines Albums eine Art Lebenshilfe und ich freue mich, wenn das bei anderen Menschen den gleichen Effekt erzielt.

MKZWO: Erstaunlich für mich ist, dass es bis dato so zu sein scheint, dass es keinen "Konsenstrack" auf dem Album gibt, viele Stimmen mit unterschiedlichen Favoriten, immer alle begeistert. Hast Du einen Track auf dem Album den Du besonders magst - sei es inhaltlich oder musikalisch oder einen Track der Dir besonders am Herzen liegt? Wenn ja, warum?

Amewu: Stein im Meer. Kann man vielleicht nachvollziehen wenn man ihn hört. Aber diese Tracks spiegeln eh mein Leben. Jeder liegt mir besonders am Herzen. Ich habe nicht geplant diese Songs zu machen. Die kamen aus mir raus. Mir haben aber auch schon viele gesagt, sie wissen nicht welcher Song ihnen am Besten gefällt und das man das Album gut durchhören kann. Bei mir kommt es aber auch sehr auf die Stimmung an welche Songs ich gerade gerne höre.

MKZWO: Wie ist es so ein Album live zu performen? Ich stelle mir das schwierig vor.

Amewu: Hab ich mir anfangs auch gedacht. Aber nach dem Releasekonzert muss ich einfach sagen das es völlig ok ist. Wir sollten allgemein einfach aufhören so sehr in festgefahrenen Mustern zu denken und zu handeln. Eine Rap-Show kann auch gut sein ohne inflationär zu schreien das alle die Hände in die Luft schmeißen sollen. Ein Rapalbum kann ohne lustige Punchlines auskommen.Ich bin froh nie wirklich auf solch ein Gerede eingegangen zu sein. Leider ist es dann oft so, dass Leute dich nicht wirklich ernst nehmen und belächeln, weil ihr Horizont darauf beschränkt ist zu gucken was schon funktioniert hat. Jeder will unbedingt ein Teil des nächsten großen Dings sein oder zumindest mit dem Mitschwimmen was als sicher gilt. Das hat nichts mit Musik zu tun, sondern damit das viele damit ihre Brötchen verdienen und immer zuerst darauf schauen. Ich habe für diese Einstellung keinen Respekt. Ich gebe mich mit dieser Welt ab in dem Maße ab wie es notwendig ist, aber ich vergesse dabei nicht worum es mir eigentlich geht. Gute Musik.

MKZWO: In dem Pressetext zu Deinem Album "Leidkultur" nimmst du Bezug auf den Dichter Khalil Gibran. Hast Du Dich für dieses sehr bekannte Zitat von ihm entschieden weil es gut zu dem Thema deines Albums passt oder haben seine Werke eine größere Bedeutung für Dich?

Amewu: Khalil Gibran ist einer meiner Lieblingsautoren. Ich finde mich in seinen Werken oft wieder und finde er hat eine wunderbare Art zu schreiben. Sehr gefühlvoll, aber auch teilweise sehr hart und wahrheitsliebend. Wenn meine Musik auch nur ein Stück weit an die Qualität seiner Werke heranreichen würde, wäre das schon die halbe Miete.

MKZWO: Du hast Dich ja schon recht früh eindeutig entschieden Deinen weg als Musiker/Künstler zu verfolgen weil es Dir die Möglichkeit gibt Menschen deine Gedanken und Ideen mitzuteilen. Was wäre es geworden wenn nicht die Musik "Dein Talent" wäre? Hat es jemals eine Option jenseits des "künstlerischen Schaffens" gegeben?

Amewu: Ich habe mal mit dem Gedanken gespielt Psychologie zu studieren. Aber wahrscheinlich wäre ich Masseur geworden. Mit dem Gedanken spiele ich ab und zu immer noch. Das liegt mir glaube ich. Hauptsache irgendwas bei dem ich den Sinn hinter der Tätigkeit nachvollziehen kann. Gleichzeitig weiß ich nicht ob ich wirklich talentiert bin/war. Ich habe auch einfach sehr viel geübt.

MKZWO: Questlove hat einmal in einem Interview gesagt " einige Leute meinen, ich hätte eine Zwangsneurose, aber für mich sind es nur kleine Spielchen, um mein Hirn auf Trab zu halten" - wer bei Deinen Texten in Kombination mit Deinen sich konstant weiterentwickelnden Rapskills genauer hinsieht könnte zu einem ähnlichen Ergebnis kommen. Was ist dein "Motor", Dein Antrieb nicht stehen zu bleiben und Dir immer neue Herausforderungen zu suchen, noch "einen drauf zu legen"?

Amewu: Das macht für mich einen Großteil meines Lebens aus. Ich sammle Erfahrungen und setze sie um. Dadurch mache ich neue Erfahrungen und so geht es immer weiter. Stehenbleiben als Existenz wäre für mich wie Nichtsein. Das soll jetzt nicht gehetzt klingen. Ruhe ist natürlich auch ein wichtiger Faktor im Leben. Ein weiterer Antrieb ist einfach, dass ich mit dem Inhalt meiner Texte Ziele verfolge, die ich nur erfüllen kann, wenn genug Menschen sie hören. Dafür muss ich gefühlt 10mal so viele Skills an den Tag legen wie jemand der den Leuten nach dem Mund redet. Basic Training day in and day out. Körperlich, seelisch und geistig. Der größte Antrieb ist wohl mein eigener Wahnsinn. Ich würde durchdrehen wenn ich nicht weiter an mir arbeite. Diese Dinge wollen raus und wenn ich ihnen keinen Weg baue dann zerreißen sie mich. Ich lebe also lieber in wohlwollender Symbiose mit meinem Wahnsinn.

MKZWO: Das finden wir auch gut so. Viel Erfolg für Dich und Deine Musik wünsche ich Dir!

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