MKZWO Magazin

Rap-Alben aus dem Jahre 2009, die man gehört haben sollte!

Wer kann sich noch an das Jahr 2009 erinnern? Musikalisch fallen mir da zum Beispiel einige Scheiben ein, die immer noch unbesprochen zuhause rum liegen und auf ihre verdiente Review warten.

Da wäre zum Beispiel „Cassette City“ (Rapster Records) von LUSHLIFE, das HipHop mit poppiger Elektronik zusammenführt und die Grenzen zwischen Sampling und extra eingespielten Instrumenten schön verwischt. Die Raps erinnern an Camp Lo und so ist es auch nahe liegend, dass es beim Track „Another Word For Paradise“ einen entsprechenden Feature-Part gibt. Kleine instrumentale Stücke lockern die Sache zusätzlich auf. Als Lushlife letztens im Berliner Cassiopeia auftrat, interessierten sich gerade mal 20 Leute für ihn. Das könnte sich eigentlich problemlos ändern, denn seit Zweitwerk ist eingängig genug, um auch im Radio zu laufen.

„By The Throat“ (Rhymesayers) von EYEDEA & ABILITIES wiederum wagt die Öffnung in Richtung Grunge-Rock, was man von den beiden nicht unbedingt erwarten konnte. Mit Acts wie Atmosphere, Aesop Rock, El-P und Sage Francis begannen die beiden Ende der 90er, den so genannten „Alternative Rap“ nach vorne zu drücken. Eyedea, der nicht nur davon träumt, etliche Battles für sich entschieden zu haben, besitzt immer noch eine schnelle Zunge und wagt auch vermehrt kurze Gesangseinlagen. Der DJ Abilities, ausgestattet mit drei DMC-Titeln, sorgte diesmal für ziemlich knarzige Bässe, verzerrte Riffs, verhallte Drums und psychedelische Atmosphären. Neben jeder Menge Krach beinhaltet ihr drittes Album aber auch melancholisches Gezupfe, etwa beim tollen „Smile“. 

Von den Staaten geht es rüber nach Wien. Hier wohnt das Trio WAXOLUTIONISTS, das mit „We Paint Colors“ (Sunshine Enterprises) endlich mal wieder einen Longplayer veröffentlicht. Stilecht wie gewohnt gibt es jede Menge dicke Beats und astreine Scratches. Musikalisch waren sie eh schon immer sehr offen, da verwundert es nicht, auch mal jazzige Instrumentals wie „Field Of Wonders“ zwischen Dillaesken Sounds wieder zu finden. Als Gäste schauen unter anderem Blu, Frank Nitty, Dave Ghetto, Hezekiah, Mystic und DJ Vadim vorbei. Den deutschsprachigen Abschnitt übernehmen Manuva (Total Chaos), Roger (Blumentopf) und Flowin Immo, die sich bei „Showbiz“ übers selbige lustig machen. Hier gibt es jede Menge zu entdecken, die Scheibe reift und reift.

Mit gekonnten und verspielten Beats geht es auch weiter, diesmal stammen sie von DER DEZENTE, der zusammen mit QWER gemeinsame Sache macht und im Spätsommer des letzten Jahres „MC Schmelz und DJ Polkappe“ (leave.music) veröffentlichte. Qwers „Kunst.Stücke“ fand ich ja schon sehr ansprechend (siehe MKZWO #90) und auch diesmal sorgt er für anregende Texte, die rein gar nichts mit den gängigen HipHop-Klischees zu tun haben. Mit der Stimmhöhe könnte er allerdings häufiger variieren, um so das Gesamtbild noch abwechslungsreicher zu gestalten. Die zerstückelten und gleichzeitig smoothen Klanggebilde vom Dezenten werden bei drei Tracks vom Saxophonisten Ulrich Blum erweitert, was wunderbar funktioniert. Insgesamt eine sehr schöne Reise, die hoffentlich fortgesetzt wird.

„Einerseits bin ich der Rapper mit Flow / anderseits bin ich der Sänger mit Soul“, stellt sich CHEFKET auf seinem Debüt „Einerseits Andererseits“ (Edit) passend vor. Als Rapper hat er mit gekonnten Reimen, erstaunlichen Geschwindigkeitsvariationen, vielfältigen Themen und witzigen Wortspielen alles, was ich mir von einem MC wünsche. Als Sänger ist er nicht ganz so mein Ding, „deutscher Soul“ klingt für mich immer so gezwungen, was übrigens nicht heißt, dass Typen wie Rio Reiser nicht irgendwie auch Soul hatten. So gibt es zahlreiche Tracks auf Chefkets Album, die mir abgesehen von den Hooks ziemlich gut gefallen, aber richtig feiere ich eher die reinen Raptracks wie „Schritt zurück“. Krutsch hat als Produzent für sehr stimmige, warme und abwechslungsreiche Instrumentals gesorgt, Amewu, Ben von den Ohrbooten und DJ Werd stehen ihm ebenfalls hilfreich zur Seite. 

Zum Ende des Jahres erreichte mich auch das vierte Album von MEYAH DON, der zu Zeiten des ersten Berlin-Rap-Hypes bei Royal Bunker so etwas wie einen Paradiesvogel unter all den Battlerappern darstellte. Mir war sein Flow damals noch zu holperig, aber das hat sich mit den Jahren schon verbessert und als selbsternannter Ökorapper Nr. 1 bleibt er weiterhin ungeschlagen. „Mit Herz und Seele“ (Edit) spricht abermals ökologische und politische Probleme an, aber wenn es persönlich wird, legt Meyah Don noch einen drauf, etwa beim selbstkritischen Opener „Fragen ans Ich“ oder beim zurückblickenden „Kopfkino“. Passend dazu kreierte Keyza Soze schwere Instrumentale mit vielen Geigen und Klavierakkorden. Gastraps kommen von Audio88, Boba Fett, Justus und Gris. Mein persönliches Highlight ist definitiv „Straßen von Berlin“, das das „The Streets Of London“-Thema sowohl musikalisch als auch inhaltlich wirklich bewegend aufgreift.